Dienstag, 11. Juni 2019
Besuchssonntage
Die größte Freude ist bekanntlich die Vorfreude. Das kleine Köfferchen mit Schmutzwäsche als Gepäck und ab in die Freiheit. Die Klostermauern von Samstag bis Sonntagabend zu verlassen fühlte sich an wie ein Aufbruch in eine neue, schönere Welt. Nur die Stimmung vor einem Urlaub konnte dieses erhebende. euphorische Abheben beim Gang zur Bahn noch übertreffen.

Immer und immer wieder während der langen drei Jahre kam dieses Gefühl auf. Die Erwartung, freudig erwartet und empfangen zu werden war allerdings täuschend. Hin und wieder verlief das Wochenende gut. Dann wieder kehrte ich zurück mit umgeänderten Röcken und abgetragenen Pullovern. Dafür schämte ich mich in Grund und Boden. Einmal holte mich der damalige Freund meiner Mutter ab und brachte mich als "Überraschung" nach Hause in den 2. Stock. Der erste Satz meiner Mutter beim Öffnen der Tür war: "Was willst du denn hier?" Egon fing damals die schlechte Stimmung auf, aber diese Frage blieb stellvertretend für mein Dasein als Tochter. Vergnügungen hießen zuhause 'nicht kochen müssen', 'ausgeführt werden' ohne Kind und bewundernde Blicke zu erheischen, doch nicht als 'Mama'.

Das kühle Gemäuer, die langen Gänge im Kloster und das Silentium rufen in mir dennoch immer eine friedliche, Stille stiftende Ruhe in mir wach; dies auch noch lange nach der Internatszeit. Die Andachten und das Exerzieren kirchlicher Rituale halfen und helfen über das häusliche Halligalli hinweg. Ich besuche noch immer gerne Kirchen.



Donnerstag, 22. Oktober 2015
1941 ... und ich lernte lesen
Von Ingrid Basile

Als ich im Herbst 1941 eingeschult wurde, gab es in meiner Schule zwei erste Klassen.
In meiner Klasse wurde eine Ganzheitsmethode ausprobiert. Wir schrieben das erst halbe Jahr in Sütterlin. In der Parallelklasse mit normaler Fibel unterrichtete „das Frollein Maul“.
Die erste Seite meiner Fibel war ein Blatt für eine Heftmappe mit Hakenkreuzfahnen.
Die erste Seite wurde folgendermaßen gestaltet:
Ein Junge, er hieß Adolf, wurde nach vorne gerufen, der sollte mit vorgestreckten rechten Arm: „Heil Hitler“ rufen.
Wir wurden gefragt: „Welche Augenfarbe hat der Junge?“ Blau. Die Lehrerin schrieb mit blauer Kreide auf die Tafel: „Adolf ruft: „Heil Hitler.“
Dann wurde ein Mädchen nach vorne gerufen. Frage: Welche Farbe hat ihr Kleid? Rot. Mit roter Kreide schrieb sie auf der Tafel: „Susi ruft: „Heil Hitler.“
Dann sollten wir aufstehen und auch „Heil Hitler“ rufen. Das wurde mit gelber Kreide auf die Tafel geschrieben.
Dann bekamen wir das erste Fibelblatt mit den Sätzen in den entsprechenden Farben. In der Art ging das weiter. Das ziemlich letzte Blatt in unserer Fibel war das Alphabet.
Später wurde ich krank und musste sechs Wochen die Schule versäumen. Hin und wieder bekam ich ein neues Blatt. (Im Dezember bekam ich ein neues Blatt mit viel Text, ein bekanntes Märchen. Damit hatte ich aber Schwierigkeiten.)
Irgendwann wollte meine Mutter, dass ich einem Verwandten, der zu Besuch war, meine Lesekünste vorführen sollte. Ich fand mich nicht gut genug und versteckte mich unter dem Bett. Wurde aber hervorgezerrt. Der Karl-Heinz, so hieß meiner erwachsener Cousin, der eigentlich ganz lieb war, klemmte mich zwischen den Beinen fest, und ich musste im Beisein meiner Mutter lesen. Das habe ich als Katastrophe empfunden.
So habe ich eigentlich nie gut vorlesen gelernt. Trotzdem habe ich meinen Kindern und Enkeln viel vorgelesen.
In den letzten Schuljahren war ich eine der drei Besten von 62 Schülern.

Bewusstes Lesen ging erst ab 1947, als eine Frau in einer Garage eine Leihbücherei eröffnete. Wir mussten auf bestimmte Bücher sehr lange warten. Z.B. „Der Graf von Monte Christo“, „Winnetou“ „Tarzan“, usw.
Zwischendurch fand ich bei unserer Nachbarin zwei vom Bombenangriff beschädigte Bücher: „Burenblut“ und „Wal, Wal“. Beiden Büchern fehlte der Anfang und das Ende. Obwohl ich damals oft danach gesucht hatte, habe ich die fehlenden Seiten nicht gefunden.
Als Teenager habe ich zuviel gelesen, nach Meinung meiner Mutter: „Du verdirbst dir die Augen!“ Deshalb hatte ich immer wieder neue Plätze, wo meine Mutter mich nicht sah. Auf den Bäumen, im Garten, im Keller, am Lichtspalt der Holztür oder auf dem Dach neben dem Schornstein. Da entdeckte mich meine Mutter, als sie mit dem Fahrrad aus einer anderen Richtung als sonst nach Hause kam.
Manche Bücher haben mich bedrückt gemacht, z.B. „Der Schimmelreiter“ von Theodor Storm, die amerikanischen und englischen Schriftsteller, die ich dann bei Bertelsmann bestellte.
Mit 13 Jahren, 1947, las ich ein Buch von einem Überlebenden des KZ-Sachsenhausen. Das hat mich unter Anderem dazu bewogen, nie zu rauchen.



Dienstag, 20. Oktober 2015
Anders sein
Von Christa Anderski

Anders sein; mich diesem Thema zu nähern, ruft sofort Traurigkeit und tiefes Berührtsein hervor. Ich weiß noch nicht, warum, aber ich spüre, dass ich dem Thema ausweichen möchte. Angst steigt auf. Angst vor Schmerz, vor Verletzungen?
Ich steige auf den Berg der Vernunft und blicke um mich. Wo in meinem Leben bin ich dem Gefühl des Anders-Sein schon einmal begegnet?
Viele Situationen strömen aus meiner Erinnerung hervor und melden sich: die Flucht meiner Mutter und ihr Bemühen in einer fremden, vom Krieg zerstörten Stadt ein neues Leben aufzubauen. Mein Fremd-Sein in einem Heim, in dem ich 5-6 Jahre meines jungen Lebens untergebracht war. Die vielen Schulwechsel und Umzüge in meinem späteren Leben. An die dreißig Mal musste ich meine gewachsenen Wurzeln herausreißen, mich trennen von Altem, Bewährten und von Beziehungen und versuchen, in Fremdem neue Wurzeln zu schlagen.
Besonders bewusst wurde mir dies bei meiner Auswanderung nach Südamerika. Ich kam von einem Tag auf den anderen in einen anderen Kulturkreis mit mir fremden Lebenswerten, Sprachen und Lebenseinstellungen. Sie waren so ganz anders als die, die ich bisher kennengelernt habe. Ich musste mich mit ihnen und mit meinen Wurzeln auseinandersetzen. Noch nie in meinem Leben hatte ich es in der Abgrenzung zu dem Fremden so deutlich gespürt, wie stark ich durch mein Heimatland geprägt worden war. Nie mehr in meinem Leben war es mir so wichtig, deutsche Wurzeln in fremden Boden einzugraben. Ich brauchte sie als sichere Verankerung, um mich dem Neuen stellen zu können.

Eine weiteres starkes Fremd-Sein erlebte ich als Städterin bei einem Umzug in ein 200-Seelen Dorf. Wie viele dörfliche Regeln und wie viele eingefahrene Spuren dörflichen Denkens waren mir nicht bekannt. Wie oft habe ich mir den Kopf an den traditionellen, lang gewachsenen Einstellungen und Verhaltensweisen des Dorfes gestoßen.
Und wie oft haben die Dörfler mich das Fremd-Sein spüren lassen und das Anders-Sein für bedrohlich empfunden und bekämpft. Schon ein Mensch aus dem Nachbardorf, das 3 km entfernt lag, war für sie ein „Fremder“. Um so mehr galt das für mich, der ich aus einer weit entfernten Großstadt kam! Eine Toleranz gegenüber dem Fremden war trotz meiner Bemühungen um dörfliche Gemeinschaft nicht zu erreichen.

Weiterhin fallen mir eine Vielzahl von Situationen ein, die mir das Gefühl des Anders-Sein durch meine Persönlichkeit eingebracht hatten.
Meine Interessen, meine Einstellungen, die sich von denen der anderen Jugendlichen unterschieden, riefen oft dieses Gefühl hervor. Eine Zerrissenheit quälte mich damals. Einerseits wollte ich dazu gehören, andererseits aber kämpften meine Ansichten und Eigenarten um ihre berechtigte Existenz. Beides unter einen Hut zu bekommen, war oft nicht möglich.

Es wäre sicher interessant und hilfreich zu analysieren, was dieses häufige Auseinandersetzen mit dem Fremd-Sein für Stärken bei mir hervorgerufen hat.
Vielleicht rührt daher, dass ich kaum Angst vor Veränderungen habe. Auch eine gewisse Flexibilität, Offen- und Aufgeschlossenheit neuartigen Situationen gegenüber bemerke ich an mir, gegründet auf einer Kontinuität in mir selbst, .....
Anders-sein erzeugt Dynamik, Bewegung und Lebendigkeit im eigenen und im Leben des Anderen. Nur in totalitären Gemeinschaften birgt das Anders-sein Gefahr für das eigene Leben.



Montag, 5. Oktober 2015
Unter Einfluss ...
Von Marlis Gondek

Meine Kindheit und Jungmädchenzeit war geprägt von meiner Mutter. Sie verstand es meisterhaft, in mir Schuldgefühle für ihre Asthmaerkrankung zu wecken. Ich war an allem Schuld wenn es ihr schlecht ging. Es war selbstverständlich, dass ich alles können musste: Kochen, Backen, die Wäsche wurde auf dem Herd in einem großen Zinkkessel gekocht und dann auf dem Waschbrett mit Silberseife und Wurzelbürste bearbeitet.
Einmal hatte ich mir Baumwollmusselin, der Meter für eine Reichsmark, gekauft. Meine Mutter wollte mir ein Kleid nähen, doch immer wenn ich sie erinnerte, hörte ich nur: „Wenn Du mir fleißig hilfst.“ Ich habe nicht nur geholfen, ich habe alles gemacht. Dann kam der Sonntag, meine Eltern machten einen Spaziergang. Da stellte ich die alte Saturnnähmaschine meiner Oma auf den Tisch. Einen Tante-Klara-Schnittmusterbogen hatte ich mir schon gekauft. Und so nähte ich mir mit 13 Jahren mein erstes Kleid.