Mittwoch, 13. November 2019
Schreiben im Haus des Karnevals
Das Haus des Karnevals ist aus verschiedenen Gründen ein ungewöhnlicher Ort. Nicht nur, weil man sich dort mit der fünften Jahreszeit beschäftigt, sondern auch, weil es dort ungewöhnliches zu sehen gibt. Und nicht zuletzt, weil der Karneval eine ungewöhnliche und spannende Geschichte hat - die bieten allemal Anregungen zum Schreiben.



Sonntag, 4. August 2019
Resonanz
Da ist ein Bild. Ein Bild mit einem Soldaten mit Nachtsichtgerät. Ich betrachte es und antworte mit einem Text:

Ich suche den Feind. Mit meinem Nachtsichtgerät suche ich den Feind, denn er schleicht sich an, sobald es dunkelt. Er kann von überall kommen, sich tiefe Gräben graben, bis in meine Träume. Ich versuche, ihn in Schach zu halten. Ich habe ein Gewehr, aber das dient mir nicht. Wo sollte ich hin schießen? Mitten ins Schwarze? Der Feind kennt Schleichwege mit guter Deckung. Da treffe ich ihn nicht.

Ich treffe ihn in meinem Kopf, plötzlich ist er da, springt mich an aus einer dunklen Ecke, krallt sich fest, will mich haben. Mein Gewehr nützt da nichts.

Ich lege Gewehr und Nachtsichtgerät zur Seite und fasse ihn, befühle ihn, schmecke ihn, rieche ihn. "Du wirst mich schon noch kennenlernen", flüstert er mir zu und ich halte ihn im Arm und höre seine Geschichte.

Ich höre seine Geschichte, die auch meine ist. Und als er fertig ist, legt er seinen kleinen Kopf in meinen Schoß. Ich halte seine kleine Hand und küsse seine kleine Stirn. Nun liegt er da und ich passe auf, das er nicht fällt, nicht ins Bodenlose fällt und fällt und vergessen wird.

Erny Hildebrand



Schreiben in der Frauenberatungsstelle
In der Frauenberatungsstelle sind wir sehr nett und mit vielen Informationen empfangen worden. Im Anschluss entstanden berührende Texte, von denen einige hier in der Rubrik "Schreiben an ungewöhnlichen Orten" zu lesen sind.



Dienstag, 30. Juli 2019
Die Emanzipation der Frau
Sie nimmt die Bildung
Sie nimmt das Vertrauen
Sie nimmt die Ideen
Sie nimmt den Erfolg.

Sie nimmt das Kämpfen
Sie nimmt die Angst
Sie nimmt die Freiheit
Sie nimmt den Stolz.

Sie nimmt das Geld
Sie nimmt den Schmerz
Sie nimmt den Frieden
Sie nimmt das Glück

Und doch ist sie nicht gleichwertig.



Die Zähmung der Frau
Er nahm die Wildheit
Er nahm den Wohlstand
Er nahm die Bildung
Er nahm den Stolz.

Er nahm das Umfeld
Er nahm die Entscheidung
Er nahm das Vertrauen
Er nahm das Ich.

Er nahm die Sicherheit
Er nahm die Neugier
Er nahm die Freiheit
Er nahm die Kraft.

Und doch war er nicht stärker.



Montag, 22. April 2019
Ich wär so gerne weise
Ich wär so gerne weise, gelassen und entspannt.
Doch leider liegt das allzu oft nicht in meiner Hand.

Manchmal bin ich weise, dann fühle ich wie du.
Ich nehme dich in meinen Arm und der Kummer vergeht im Nu.

Früher war ich nicht weise, machte alles nur mit mir aus.
Doch heute bin ich schlauer und tausche mich mit anderen aus.

Oft, da bin ich weise, bin dankbar für alles, was ich hab.
Zufriedenheit und Glück sind dann, was in meinem Herzen labt.

Mit dir werde ich weise, du zeigst mir neue Wege auf.
Nun gehe ich da lang und nehm ein stolpern in Kauf.

Ich wär so gerne weise, doch ich komm mir nicht so vor.
Egal, ich nehm mich, wie ich bin, und geh durchs nächste Tor.



Freitag, 5. April 2019
Auf der Kö in Düsseldorf
Ein Vetter von mir kam erst 1949 im November aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück.
In seine Heimat Ostpreußen konnte er nicht mehr, so kam er nach Düsseldorf. Wir waren für viele Verwandte ein fester Punkt nach dem Krieg. Georg bekam sehr schnell eine Arbeit beim statistischen Landesamt. Im Anschluss bekam er eine Anstellung bei der Eisenbahnversicherungskasse. Georg besaß schon Mitte der 50iger Jahre einen viertürigen Mercedes.
Einmal waren wir zusammen mit noch einem anderen Ehepaar in der Altstadt gewesen, wir feierten fröhlich und tranken auch einiges. Mein Mann fuhr das Auto. Statt am Ende nach Hause zu fahren, sagte Georg: „Wir fahren jetzt noch zur Kö-West. Da kenn ich eine frühere Kollegin, die gehen wir jetzt ärgern.“
An der Kö-West standen die sogenannten Bordsteinschwalben in Grüppchen. Georg ließ anhalten, drehte eine Scheibe herunter und rief: „Alle herkommen und Geld abliefern!“
Dann platzierte er eine Frau neben sich auf den Beifahrersitz neben sich. Zwei Prostituierte auf den Schoß des anderen Ehemannes. Wir saßen zu sechst auf der Rückbank. Wir fuhren eine ganze Weile die Kö rauf und runter, immer im Karree. Die Fenster im Auto waren inzwischen alle offen. Die Prostituierten im Wagen beschimpften ihre Kolleginnen, die dort standen, auf das Übelste, wie sie es oft von den Männern ertragen mussten. Wenn ich die Bordsteinschwalben woanders gesehen hätte, wäre mir nicht aufgefallen, welchen Beruf sie gehabt hätten. Sie redeten von den intimsten Sachen ihres Geschäftes, als ob es sich um z.B. Apfelsinenhandel drehte. Wir haben so gelacht, dass uns die Gesichtsmuskeln weh taten. Für deren Geschäft war es noch zu früh. Da stand eine elegant gekleidete Dame in hellblauem Kostüm mit einer hellblonden Hochsteckfrisur. Eine Frau aus unserem Auto rief: „ Die hat alle unsere Freier mit Tripper angesteckt.“ Die Brünette neben Georg erzählte, sie habe ein Kind geboren und habe noch Wochenfluss. Jetzt könne sie nur „französisch“. Eine sehr junge Frau von der Rückbank wiederholte dauernd, sie gäbe eine Flasche Sekt aus, wenn sie Georg mal vernaschen könnte.
Das Ganze war so irre für mich!


Ingrid Basile



Freitag, 13. Juli 2018
Auf der Bühne des Lebens
Spot an!
Plötzlich und unverhofft liege ich im grellen Licht des Lebens. Gerade noch im engen und dunklen Kanal strömt nun alles auf mich ein, ungedämpft und ungefiltert.
Mit aller Macht bedrängt es mich: Licht, Lärm, Kälte, Wärme, Berührungen. Ich schreie auf vor der Intensität des mich überflutenden Lebens. Mein Herz schlägt wie wild.
Ich spüre Hände auf meinem Körper, Tücher umhüllen mich. Ich schreie. Man legt mich ab. Vertrautes durchdringt mich. Geruch, Weichheit und Stimme meiner Mutter besänftigen die beängstigenden Wirbelstürme und schenken mir Frieden. Ich bin geboren.

Viele Auftritte auf der Bühne des Lebens liegen nun hinter mir. Auftritte in eigener oder fremder Regie, gelungene und misslungene Projekte, unbedeutende und bedeutsame Stücke.

Spot aus!
Nun liege ich still und ersehne meinen letzten Auftritt. Nicht ich werde Regie führen, sondern ich werde mich führen lassen. Ein kleines, vertrautes Publikum wird mich begleiten. Erlösung und Frieden werden mich umhüllen. Am Ende der Aufführung erstrahlt ein sanftes Licht und in seinem Schein werde ich atemlos hinüber gleiten in ein anderes, ein neues Leben.

Christa Anderski



Donnerstag, 12. Juli 2018
Die Dame, die nicht sterben will
Die Dame, die nicht sterben will

Die Dame saß im Park auf einer Bank. Ihr Haar wehte ihr vor die Augen, sie streckte ihr Gesicht der Sonne entgegen. Sie genoss die Wärme, die sich in ihrem Gesicht ausbreitete. Ein Mann kam auf sie zu und blieb vor ihr stehen.
Er sprach: „Sehr verehrte Dame, ich bin der Tod und ihr müsst jetzt mit mir kommen.“
Die Dame öffnete ihre Augen und sah einen großgewachsenen, hageren Mann. Seine blasse Haut wurde durch die schwarze Kleidung betont.
„Das ihr der Tod seid, das glaube ich euch gerne“, sagte die Dame. „Aber wieso soll ich mit euch kommen?“
„Weil ich der Tod bin. Mir entkommt niemand. Ich komme, wenn eure Zeit abgelaufen ist und bringe euch ins Totenreich.“
„Da müsst ihr euch vertan haben“, entgegnete die Dame. Ich bin erst 47 Jahre alt und stehe bestimmt nicht auf eurer Liste.“
Der Tod holte ein Pergament aus seiner Manteltasche und rollte es auf. Er begann zu lesen: „Schlosspark, Dame auf Parkbank. Alter 47, Haare blond, Frisur Bop, Kleidung modisch, Charakter gibt gerne Widerworte.
Die Dame blickte dem Tod in die Augen und sagte: „Das bin ich nicht. Geht, und sucht die richtige Person.“
Doch der Tod ließ sich nicht beirren. „Doch verehrte Dame, ihr seid es. Schaut euch um, außer euch ist niemand hier.“
„Also, das ist kein Argument. Und außerdem habe ich keine Zeit. Ich habe noch diverse Dinge zu erledigen.“
Der Tod war genervt. Jedes mal das gleiche. Kam er zu einer Person um sie zu holen, hatte diese vielerlei Ausreden. Plötzlich hörte er, wie er die Dame fragte: „So, was denn?“
Überrascht über diese Frage und hektisch in ihren Gedanken forschend stammelte diese: „Ähm, also, ich will einen Marathon laufen, alle 8.000 besteigen, ein Buch schreiben, und ich will ins Weltall fliegen.“
„Und warum habt ihr das noch nicht getan?“, wollte der Tod wissen.
„Ihr wisst doch, wie das ist. Erst die Schule, dann die Ausbildung, Arbeiten, Kinder kriegen, Kinder groß ziehen, Haushalt, sich um die Eltern kümmern. Kurz gesagt, keine Zeit. Die Dame schaute auf den Boden, wusste sie doch, dass das nicht die ganze Wahrheit war.
„Okay“, sagte der Tod und zuckte kaum merklich erschrocken über seine Antwort. Sucht euch eine Sache aus.
Überrascht sah die Dame ihn an.
„Für eine Sache gewähre ich euch Zeit. Welche soll es sein?“, fragte der Tod.
Die Dame überlegte. Mit welcher Sache konnte sie die meiste Zeit gewinnen. Ins Weltall fliegen schied aus, das konnte sie schon morgen. Und alle 8.000 zu besteigen würde auf jeden Fall länger brauchen, als einen Marathon zu laufen. Blieb noch das Buch schreiben. Schließlich sagte sie: „Ich will ein Buch schreiben.“
Dies sei euch gewährt. Doch bedenkt, ich komme immer wieder vorbei und prüfe euren Fortschritt. Bin ich mit eurer Arbeit nicht zufrieden, nehme ich euch mit.



Auf der Bühne
Alle schauen mich an.
Was soll ich tun?

Alle schauen mich an.
Ich habe keine Worte mehr.

Alle schauen mich an.
Ich schäme mich.

Alle schauen mich an.
Ich schreie laut.

Alle schauen mich an.
Ich verbeuge mich.


Erny Hildebrand