Mittwoch, 27. Mai 2020
Bitte Abstand halten
Bisher lebten wir im Lockdown und hatten uns einigermaßen darin eingerichtet.
War es anfangs befremdlich eine Maske anzuziehen, sobald wir ein Geschäft, den Vorraum von Geldautomaten oder öffentliche Räume betraten, wurde es uns bald zur Gewohnheit stets eine solche bereit zu haben. Draußen mieden wir volle Parks und versuchten unsere Spaziergänge und Wanderungen an unbekanntere Orte zu verlegen. Wir wählten Wege, die nicht so frequentiert waren und gingen zu Zeiten, in denen üblicherweise kaum jemand unterwegs war.
Einkaufen gingen wir auf Wunsch unserer Tochter nicht, die das für uns erledigte.
Unsere Freunde und Familie kontaktierten wir über Telefon, WhatsApp, Emails oder Video.
Mit der Zeit beobachtete ich bei mir, eine gewisse Menschenscheu. Es wurde mir unbehaglich zu Mute, wenn ich auf Waldwegen oder auf der Straße mehrere Leute meist Familiengruppen sah. Eine nie gekannte Feindseligkeit stellte sich bei mir ein, wenn ich glaubte, sie würden nicht genug Abstand zu uns halten. Dafür schämte ich mich insgeheim, und versuchte meine Empfindungen zu unterdrücken. Andrerseits wäre ich zu gerne wieder selber einkaufen gegangen, denn es war ungewohnt für mich, eine Einkaufsliste zu erstellen, da ich sonst immer impulsiv nach dem, was ich gerade sehe meine Kaufentscheidung treffe.
Aber wie gesagt, hatten wir uns an all das gewöhnt und fanden, dass es für uns persönlich keinen Grund zur Klage gab.
Wir waren darüber hinaus, diese Maßnahmen zu hinterfragen. Wir hatten viele Verschwörungstheorien oder die unterschiedlichen Ansichten von Virologen, Ärzten und Wissenschaftlern per Video, in den Nachrichten und in der ZEIT gehört und gelesen. Wir waren zu dem Schluss gekommen, uns so gut wie möglich an die Vorschriften zu halten. Auch wenn uns manches hart erscheint, zum Beispiel die Besuchsverbote bei dementen und schwerkranken Familienmitgliedern. Wir haben einige Fälle im Freundeskreis erlebt und mitgelitten.
Jetzt also die Lockerungen in einigen Bereichen. Sie kam just zu der Zeit, zu der wir unser alljährliches Familientreffen in der Pfalz geplant hatten. In der Woche mit dem langen Wochenende durch Himmelfahrt.
Damit hatten wir gar nicht mehr gerechnet und uns schon damit abgefunden, es auf nächstes Jahr zu verschieben. Da wir uns Üblicherweise mit Geschwistern, unseren und deren Kindern und Enkelkindern in einer Gruppe von ca. zwanzig Personen treffen, istveine gute Planung mit Resevierung von Ferienhäusern, Appartements sowie Tischreservierung in Restaurants erforderlich.
All das hatte schon vor dem Auftreten der Pandemie ein Jahr im Voraus stattgefunden. Gerade hatten wir erwogen alles zu stornieren.
Nun wurden die Karten neu gemischt.
Aber eine solch große Gruppe, wäre das möglich?
Es hieß, nur zwei Familienstände dürften an einem Tisch Platz nehmen. Die Tische müssten mindestens 1,5 Meter Abstand haben und ob die Hütten des Pfälzer Waldvereins, in denen wir mittags immer einkehrten, geöffnet hätten, war sehr unwahrscheinlich.
Nach vielen WhatsApps hin und her stand fest, dass nicht alle aus der Großfamilie mitführen. Die Familien mit den kleinen Kindern wollten lieber zuhause bleiben. Sie meinten, es fühle sich für sie falsch an, mit so vielen zu verreisen, obwohl Kindergärten noch geschlossen hätten. Aber sie hätten nichts dagegen, wenn wir anderen die Gelegenheit nützten.
Schließlich waren wir insgesamt elf Personen in fünf Hausständen.
Logistisch hatten wir noch einiges zu regeln, bis alles in Ordnung war.
Meine Tochter Silke mit drei Kindern und Ehemann bezogen ein Ferienhaus. Mein Mann und ich, sein Bruder nebst Frau, seine alleinstehende Schwester, sein alleinstehender Bruder hatten vier Appartements in einem anderen Haus gemietet. In den Restaurants konnten wir mit jeweils drei Personen aus zwei Hausständen an Nachbartischen sitzen. Die fünfköpfige Famile meiner Tochter hatten zusammen einen Tisch in Sichtweite.
Tagsüber im Wald wanderten wir alle gemeinsam, den Abstand mehr oder weniger einhaltend. Die Hütten waren zwar geschlossen, aber ein Picknick ist auch eine schöne Sache.
Obwohl dieses Mal alles ganz anders war, als die Jahre davor, konnten wir die Zeit in der Pfalz genießen. Wir waren froh, mal aus dem täglichen Trott heraus zu kommen und etwas anderes zu sehen. Zwar entfielen die großen gemeinsamen Frühstücke, das Herumtollen von kleinen und großen Cousins und Cousinen, das selbstverständliche Zusammensein innerhalb der Großfamilie, die Gespräche und Neckereien, aber eines war doch wie immer.
Die schöne Landschaft mit dem Blick von den Pfälzer Bergen in die weite Rheinebene,mit den in frischem grünen Laub stehenden Weinfeldern im Vordergrund. Die in weiter Ferne im dunkelblauen Dunst des Horizonts sich abzeichnenden Höhenzüge des Schwarzwaldes, der Bergstraße und des Kraichgaus erstreckten sich vor uns, wenn immer sich eine Aussicht ergab.
An Waldbächen mit bemoosten Steinen und von Kindern, aus Ästen gebauten Staudämmen vorbei, führten die Wege. Die Vögel zwitscherten, was das Zeug hielt und verlaufen haben wir uns auch. Zur großen Freude unserer Enkels führte das zu einem abenteuerlichen Aufstieg eines steilen Hügels. Über Stock und Stein, über gefallene Baumstämme kletterten wir, um den Weg wieder zufinden, der in die richtige Richtung ging.
Abends im Restaurant mussten wir unsere Namen, Adressen und Telefonnummern angeben, unsere Hände desinfizieren.Danach wurden wir maskiert von maskierten KellnerInnen zu unseren Tischen geleitet. Dort durften wir unsere Masken abziehen, solange wir am Tisch blieben. Der Gang zur Toilette war wieder mit Maske zurückzulegen.
Das ganze entbehrte nicht einer gewissen Komik. Besonders als meine Tochter mit Familie geschlossen,alle mit Maske, vor unserem Tisch standen, um sich zu verabschieden, da sie schon mit dem Essen fertig waren. Davon habe ich ein Erinnerungsfoto gemacht, damit wir es nicht vergessen, wenn später wieder alles normal wird.
Aber wann wird das sein?
Wird es jemals wieder so wie vorher?

Corona
Als Krone
Der Schöpfung verstand
Die Menschenheit sich lange
Wieso?




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Samstag, 18. April 2020
Mein CoronaTagebuch und einige Gedanken dazu
Schon im November 2019 hörten wir davon. Ein gefährliches Virus war aufgetaucht. Nichts Neues, wir hatten schon einige erlebt. SARS, Ebola um nur zwei zu nennen. Viele Tote hatte es gegeben in Afrika, schreckliche Bilder sahen wir in den Medien, zu Spenden wurde aufgerufen und Hilfsprogramme gestartet. Aber es war weit weg von uns. Jetzt war in China ein putzig aussehender, aber hochansteckender z.T. tödlich wirkender Krankheitserreger aufgetaucht. Wieder weit weg von uns in Europa. Niemand machte sich ernsthaft Sorgen.
Aber dieses Mal war es ganz anders. Die Berichte wurden von Tag zu Tag schlimmer. Sprunghaft stiegen die Zahlen von infizierten und gestorbenen Menschen.Rigorose Ausgangsbeschränkungen wurden eingeführt. Befürchtungen, dieses Virus könne sich über die ganze Welt ausbreiten, kamen auf. Aber noch waren viele der Ansicht, in Europa würden wir besser fertig damit. Unser Gesundheitssystem sei gut aufgestellt und schlimmer als eine Grippe könne es nicht sein. An unserem Stammtisch nach der Montags Abendgymastik tönten die Männer, bei uns könne man sich solche strengen Quarantäne Maßnahmen nicht leisten, sonst ginge die Wirtschaft pleite. Das wird nicht so kommen bei uns, waren sich die Männer einig. Wir Frauen schwiegen zunächst. Ich war mir da nicht so sicher und verlieh meinem mulmigen Gefühl Ausdruck. " Alles Blödsinn, durch Grippe sterben auch viele. Darüber redet keiner" war der allgemeine Konsens.
Schon Ende Januar sah alles ganz anders aus. Längst war die Rede davon, vom Händeschütteln abzusehen. Ein Lächeln genügt. Spätestestens als im Februar nach Karneval die ersten Coronafälle in Deutschland, Österreich, Italien und Spanien auftauchten, wurde es ernst. Immer öfter hörten und lasen wir von allgemeinen Ausgangsperren. Das Virus nahm Fahrt auf. Die Lage spitzte sich zu. Wie in China explodierten die Krankheits -und Todesfälle. Dies sei erst der Anfang, warnten die Wissenschaftler.
Am Montag,den 09. März
hörte ich auf eine Versammlung der Zahnärztekammer von besorgten Kollegen, es gäbe nicht genug sichere Mundschütze und Desifektionmittel. Die Depots könnten
nicht mehr liefern. Der Vertreter vom Gesundheitsamt rang die Hände. Er wüßte auch nicht..,aber er würde sich kümmern. Bitterer Hohn der anwesenden ZahnärztInnen schlug ihm entgegen. Der Sizungsleiter bat um Mäßigung.
" Möchtest Du wirklich immer noch in meiner Praxis die Vertretung übernehmen? " fragte meine Freundin Lena, der am Mittwoch eine Operation bevorstand." Ich könnte verstehen, wenn Du davon zurücktreten willst"
Ich hatte Ihr für drei Wochen zugesagt und mich sehr darauf gefreut. Es wäre eine schöne Abwechselung für mich als Rentnerin.
" Ja klar! So schlimm wird es wohl nicht werden. " lautete meine Antwort.
Am Mittwoch, den 11. März
rief meine Tochter Silke an : " Ich bin gerade in der Metro und kaufe ein paar Vorräte, brauchst du irgend etwas?" Merkwürdig, das hatte sie noch nie getan. Ich überlegte, "Vielleicht etwas Basmatireis " " Sonst nichts? " Sie klang erstaunt." Hast du genug Vorräte für die nächsten vierzehn Tage?" " Wozu, ich gehe morgen nach der Arbeit einkaufen" mir war das Ganze schleierhaft.
" Arbeiten? Hast du dir das gut überlegt? Du gehörst zur Hochrisikogruppe in deinem Alter."
"Wir arbeiten doch mit Mundschutz und Gummihandschuhen. Du musst Dir keine Sorgen machen" Ich verschwieg, dass diese kleinen dünnen Mundschütze den Beschuss von Coronaviren nur unzureichend abwehren könnten.
Nach diesem Telefonat war ich etwas unruhig. Es wäre nicht falsch, gleich noch zum Supermarkt zu fahren, um wenigstens ein paar Vorräte aufzustocken.
Seit wir Rentner sind kaufen wir alle paar Tage ein und haben kaum etwas an Lebensmitteln im Haus.
Im Supermarkt wunderte ich mich über die leeren Nudelregale. Beim Reis sah es nicht anders aus. Anscheinend waren die Leute in Panik geraten. Bestimmt ist morgen alles wieder da, dachte ich. Vorsichtshalber nahm ich das letzte, etwas eingedellte Packet Makkaroni mit. Tomaten in Dosen gab es nur noch drei und Kokosmilch gar nicht. Im Geiste ging ich durch, was ich noch als Vorrat gebrauchen könnte. Viele Konserven gab es nicht mehr, aber , mit dem was ich zuhause hatte, würde es ein paar Tage vielleicht sogar zwei Wochen reichen.
Am 12. März
begann mein erster Arbeitstag. Das mir gut vertraute Team von Helferinnen begrüßte mich sehr herzlich mit Abstand. Ich freute mich auf die Arbeit und der Tag verlief reibungslos.
In der Mittagspause hatte ich mich mit meinem Mann verabredet. "Bei Aldi gibt es kein Klopapier mehr" war seine Begrüßung. Das gab mir zu denken. Im Haus, in dem sich die Zahnarztpraxis befindet, gibt es einen Supermarkt. Sollten wir lieber sofort schauen, ob es dort Toilettenpapier gab? " Laß uns erst einen Kaffee trinken ", meinte Ingo" Morgen gibt es bestimmt wieder alles." Aber ich hatte keine Ruhe und so gingen wir sofort hinein und kauften eine, von den drei noch vorhanden Großpackungen und noch ein wenig, länger haltendes Gemüse. Ich hatte mich nicht anstecken lassen wollen von der Panik, aber jetzt fühlte ich mich gezwungen so zu reagieren. Das ärgerte mich und in mir wuchs das Gefühl des Ausgeliefertsein und der Hilflosigkeit.
Am Freitag, den 13. März
kamen wir, ohne es zu wissen, zum vorerst letzten Mal zu Erny, um zu schreiben. Sie teilte uns das per Email am Montag darauf mit, zusammen mit einer Geschichte zum Weiterschreiben und einigen Schreibanregungen.
Am Sonntag, den 15. März
eröffnete uns unser Pfarrer während des Gottesdienstes, dass vorläufig bis Ostern alle Kirchen geschlossen seien. Er wolle uns jeden Tag einen Bibelvers per Mail oder WhatsApp schicken, den er mit Kreide auf die Straßen rund um die Gemeinde schriebe und fotografiere.
Aus Angst vor Ansteckung waren viele der Älteren diesen Sonntag schon nicht gekommen. Die Kirche war noch leerer als sonst.
Am Montag, den 16.März
endete mein zweiter Arbeitstag bereits Mittags. Meine Freundin kam, noch geschwächt von der Operation, in die Praxis. Sie bat mich, die Arbeit nicht fortzusetzen. Sie könne es nicht verantworten, mich der Gefahr einer Ansteckung auszusetzen. Falls das geschähe, würde sie ihres Lebens nicht mehr froh. Da sie selbst noch nicht wieder arbeiten könne, habe sie alles gut organisiert, sowohl für ihre Mitarbeiterinnen als auch für etwaige Notfallpatienten.
Von einem auf den anderen Moment fühlte ich mich zehn Jahre älter. Hochrisikogruppe! Das hatte Silke auch erwähnt. So fühlte ich mich gar nicht.
Zum Trost ging ich mit Ingo einen Cappuccino trinken. Die Eisdiele war fast leer. Der Chef, der uns sonst immer mit " Bis morgen" verabschiedete, war sichtlich gedrückter Stimmung und sehr schweigsam.
Abends fand keine Gymnastikgruppe statt und auch der Stammtisch entfiel.
Am Dienstag, den 17.März
rief Silke wieder an. Sie war erleichtert, dass ich nicht mehr arbeitete. Wir sollten bitte nicht mehr einkaufen, sie mache das gerne für uns. "Ich bringe es Euch vorbei, kontaktlos versteht sich"
" Was soll das? Die können uns doch nicht einsperren. Das ist totaler Blödsinn" ereiferte sich Ingo
" Spazieren gehen und Radfahren könnt Ihr noch" insistierte Silke " Dabei ist die Ansteckungsgefahr gering"
Ja mir war klar, dass es darum ging die Zahl der Ansteckungen in Schach zu halten. Italien, Spanien und Österreich kämpften bereits mit esponentiell steigender Zahl von Infizierten und Gestorbenen. Es gab zu wenig Betten, zuwenig Beatmungsgeräte, zu wenig ÄrztInnen, zu wenig PflegerInnen zu wenig Sicherheitsausrüstungen, zuwenig von allem. Auch wenn in Deutschland behauptet wurde, bei uns sei alles besser, glaubte ich das nicht. Also stimmte ich Silke schweren Herzens zu. Sie hatte genug zu tun mit ihren drei Kindern, die nun nicht mehr zur Schule gehen konnten, weil auch diese geschlossen hatten.
Mein Malen Dienstag Abends wurde ebenfalls bis auf weiteres ausfallen und das Fitnessstudio war geschlossen.
So geht es immer weiter mit den Einschränkungen. Die Tage, bar jeglicher Struktur, plätschern dahin und vergehen. Kein Sport, kein Malen, kein Schreiben - dafür morgens spät aufstehen, Mails checken, WhatsApps lesen, mit Freunden chatten, anrufen, Witze über Toilettenpapier, Trump und Konsorten, lustige oder besinnliche Videos austauschen, Zeitung lesen, Radio hören, Mittagessen zubereiten, sich Sorgen machen um unsere Kinder und Enkelkinder, um die Umwelt, um die vielen übermüdeten ÄrztInnen, PflegerInnen, VerkäuferInnen und sonstige systemrelevanten Personen, über die vielen, die jetzt kein Geld haben.
Die Wohnung putzen, Spiele spielen und und und.
Ein schlechtes Gewissen haben, weil es uns doch gut geht und wir wenig tun können, um andere zu entlasten.

In den Nachrichten hören wir seit neuestem von Lockerungen hier und da und dann und wann. Aber nichts ist sicher, alles bleibt vage. Dort wo genauer formuliert wird, regt sich sofort Protest gegen vermeintliche und echte Ungerechtigkeiten. Wie wird es sein, wieder zur Normalität zur zu kehren? Wird es jemals wieder sein, wie es vor Corona war? Gerade erholt sich die Natur. Die Luft ist reiner, das Wasser ist klarer, es gibt wieder Schildkröten an den ehemaligen Touristenstränden von Thailand. Wäre schön, wenn es in dieser Richtung voran ginge.

Vergleiche mit früheren Seuchen wie Pest und Cholera drängen sich auf. Als Strafe Gottes wurden sie betrachtet, weil die Menschen nicht gottesfürchtig genug gewesen wären.
Heute heißt es, das Universum rächt sich, die Erde setzt sich zur Wehr, gegen den Mißbrauch der Natur, gegen menschliches Machtstreben und Gier.
Damals schworen die von der Pest und Cholera verschont gebliebenen Besserung, nähme Gott diese Strafe von ihnen. Abgesehen davon, dass Pest und Cholera nie eine Strafe Gottes waren, sondern durch mangelnde Hygiene und Unwissen gefördert wurden, ein wenig Demut täte uns gut. Wir sind eben nicht Herrscher und Beherrscher des Universums, sondern es ist uns aufgetragen, die Schöpfung zu bewahren. Dazu gehören Menschlichkeit und Achtung für alles Leben, genauso wie Wissenschaft und Forschung zum Wohle der Umwelt und der Menschheit. Mein Traum ist, dass wir aus dieser Krise lernen.



Mittwoch, 8. April 2020
Was sollen wir tun
"Ohne sorge sei ohne sorge sei ohne sorge..." schrieb Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht „Reklame“ 1956 und meinte den verheerenden Einfluss von Werbung auf das Denken und Fühlen des Menschen, der auf knallbunte Plakatwände starrt, indessen er sich in seinem Leben unsicher und gefährdet fühlt und keine Antworten findet.
Heute muss ich so oft an diese Verse denken, die mich 1968 als junge Erwachsene trafen und mich einführten ins weite Feld der Lyrik und ebenso in das Feld drängender gesellschaftlicher Fragen.
Entscheidende Antworten fehlen uns auch jetzt wieder, schon wieder. Die buntgelben Werbeplakate schweigen. Niemand, der sie in den leeren Innenstädten noch anschaut. Sie wanderten ins private Kämmerlein, drinnen ein PC steht, der ein Tausendfaches an Verknüpfungen und Verbreitungen hervorbringt, als die paar Printmedien der 50er Jahre sich nur hätten erträumen können. Aber hilft uns das jetzt?
Ja, es hilft, den täglichen Blog von Christian Drosten zu hören, der uns das Wesen des Virus erklärt. Ja, es hilft, die neuen Studien von Hendrick Streeck zu verfolgen, der endlich die genauen Infektionswege herausfinden wird. Es hilft, jeden Abend von Montag bis Donnerstag wegzutauchen, weil im Radio eine sehr wohltönende Stimme den Weltliteratur-Klassiker „Jane Eyre“ vorliest, ja, sie liest es dir vor, die du auf dem Sofa liegst und dich mit einer Decke eingehüllt hast gegen die unverhältnismäßig große Kühle der Jahreszeit, gegen die Kälte der Zeit überhaupt und gegen den Todeshauch des überaus ansteckenden Virus.

- Ein Mann in Anzug und roter Weste tritt formvollendet an deine Seite, lauscht auf deine Worte, fragt dieses oder jenes. Du denkst, was für ein höflicher Mensch und gibst gerne Auskunft.
Doch dann dämmert es dir und du bemerkst auf einmal den Schauer, der dir schon die ganze Zeit leise über den Rücken lief. Denn dieser Mann kehrt immer wieder und stellt sich still an deine Seite und nach einer Weile, wenn du ihn wieder herannahen siehst, spürst du diese feine Resignation in deiner Seele. Du begreifst, er bringt dich dazu aufzugeben und einzusehen, dass du keine Wahl hast, dass er gewinnen wird, dass du dran bist, dass du verloren bist. Er sagt gar nicht viel, fragt höchstens nach deinen Gewohnheiten und beobachtet deine Wege und wenn er genug über dich weiß, dann kommt er zum letzten Mal und nimmt dich mit. Ich beobachte das bei einer Frau, die er zum Schluss mit in das letzte Zimmer nimmt, es ist klar, das ist ihre letzte Station, das ist ihr Ende. Ich sehe ihr schmerzvolles Gesicht, ich spüre ihre Ergebenheit, es ist jetzt ihr Schicksal. Ich kann dort nicht eingreifen, das steht mir nicht zu. Meinen Weg hat der Mann auch schon ein paarmal gekreuzt, aber er hat mich nicht angeschaut, er meinte mich noch nicht und ich habe ihn auch nicht hereingelassen. Ich vertraue auf meine Kräfte und ich spüre meine starke Anbindung an das Helle, die Weite, die Tiefe, das Göttliche, ich fühle mich aufgehoben, ich fühle mich getragen im Vertrauen. Das ist das, was ich „tun“ kann. Aber es ist sehr viel. -

Ich denke an Jane Eyre, die starke, selbstbewusste und ehrgeizige sowie überaus intelligente junge Person, deren Aufwachsen ich allabendlich im Radio miterlebe. Käme sie heute besser zurecht und wenn ja, welche ihrer Eigenschaften würden ihr helfen? Der unbedingte Drang gehorsam zu sein? (Wir halten die Regeln ein, Frau Merkel!) Die Höflichkeit. (Bitte nach Ihnen!) Die Unterordnung. (Die Regierung macht das alles ganz gut.) Die Intelligenz. (Viren – die kleinsten Herrscher der Welt!) Das künstlerische Talent. (Bei so viel Zeit zu Hause: Malen, singen, Klavier spielen oder lernen Sie doch eine neue Sprache!) Die Schulbildung. (Wir müssen jetzt alle vernünftig sein!) Das Aufmüpfige. (Ist die Demokratie gefährdet?) Das Trotzige. (Und ich besuche jetzt doch meine beste Freundin!) Die unübersehbare Fähigkeit zur Resilienz. (Ich vertraue.) Hilft davon etwas?

Mein Mann hat heute eine Packung Mehl ergattert. Feinstes „Oberkulmer Rotkorn Dinkelmehl ohne Weizeneinkreuzung“, das Paket für 4,59 €. Die Erzählungen von meinem Vater aus der Nachkriegszeit weisen eine große Ähnlichkeit auf, wie sie in Schlangen anstanden und wie sie jubelten, wenn sie eines der begehrten Weißmehl-Pakete mit nach Hause nehmen durften. In der Zeitung erinnert jemand an die Spanische Grippe, ein Foto zeigt die eng aneinander grenzenden Eisenbetten in der Veranda eines Krankenhauses. Oft schon zogen mir Bilder der mittelalterlichen Pest durchs Gehirn, wann finden wir rote Kreuze auf den Haustüren? Angst und Bange wird mir, wenn von einer neuen App gesprochen wird, die über die Kennzeichnung Corona-Kranker es den Gesunden ermöglicht, ihnen auf der Straße auszuweichen…Halt, nein, so soll es doch gar nicht kommen, nein, nur nachträglich kann ich mit der App feststellen, dass ich Infizierten begegnet war. Dann weiß ich, ich hatte wohl Pech. Was ist mit uns los?

Und was macht unser Gehirn mit dem Virus? Selbst die Erklärung von Christian Drosten gerät in meinem Kopf zum Kriminalroman, ich sehe das verdammte Virus vor mir, wie es sich schützt und ummantelt, auf dass es nicht zu früh erkannt wird, Sherlock Holmes fällt mir ein mit seinem mittelbraunem Trenchcoat, auch das Virus trägt wohl solch einen Trenchcoat und schnürt den Gürtel ganz, ganz eng und in dem winzigen Moment, wo meine Immunzellen es erkennen können, schwups, da ist es schon hineingeschlüpft in die Zelle und lädt seine DNA ab. Oder meine Immunzellen haben es erwischt. Ich hoffe natürlich ständig auf letzteres. Wir alle hoffen.

Und dann gibt es die Schriften der Weisen, der Menschen, die Fachleute für den Wandel sind. Es ist Transformationszeit, sagen sie. Sie sehen die Möglichkeit einer neuen Ära heraufziehen, einer gerechteren Gesellschaft und einer achtsameren, weniger kapitalistischen Wirtschaft, einer besser geförderten Ökologie, eines besser vorbereiteten Gesundheits-Systemes, so dass die großen Krisen unseres Jahrhunderts besser bewältigt werden und das Wohlergehen und der Friede besser unterstützt werden können. Vielleicht kommt es ja genau so?

Jane Eyre, was sagst du dazu?
Werde ich’s kriegen, Jane, sag es mir? Sind meine Tage gezählt, jaja, das sind sie ja immer, aber ist die Zahl nur noch klein, winzig klein, sag es mir, Jane. Oder hilft auch mir dein Mut, dein Hut und deine schöne schwarze Weste, an die du die einfache, aber schmucke Brosche gesteckt hast, damit du dich vor dem Schlossherrn überhaupt sehen lassen kannst? Wie du war auch ich eine Art Gouvernante, zuerst im öffentlichen Leben mit vielen Schulkindern, dann im eigenen Hause, zuletzt mit jungen Erwachsenen, die ich Vieles lehrte und mit ihnen zusammen lernen konnte. Was kann ich von dir lernen, Jane, sag es mir, ach sag es mir doch.

Zeit verstreicht, Zeit ist verstrichen, Jane „lebte“ im 19.Jahrhundert, Alexander Fleming, der Erfinder des Penicillins, um 1930 und nun brauchen wir wieder ein Medikament, es wäre gut, eines gegen das Virus und andere Viren zu haben, los strengt euch an, ihr Forscher, die Menschheit wartet auf euch.

Bis dahin aber leben wir. Die ZEIT betitelte das als „Menschheitsaufgabe“. Wir leben vor uns hin. Wir beachten die Regeln. Wir behalten die gute Laune, ja, das tun wir doch oder? Wir kaufen ein. Wir gehen spazieren. Und wir tun so, als ob uns das alles, die Gefahr, die Einschränkungen, nichts ausmacht. Wir kommen zurecht. Oder wir kommen nicht richtig zurecht. Oder wir werden verrückt?

Schon 1968 wusste man, wie die Welt für einen Demenzkranken aussehen könnte, aber nun sind wir alle demenzkrank oder warum sehe ich seit zwei Wochen einfach kein Mehl, keine Nudeln, kein Knäckebrot und kein Klopapier mehr in den Regalen meines Supermarktes? Und warum, bitte, holt mich hier niemand ab?

Selbstbildnis im Supermarkt

In einer
großen Fensterscheibe des Super-

Marktes komme ich mir selbst
entgegen, wie ich bin.

Der Schlag, der trifft, ist
nicht der erwartete Schlag
aber der Schlag trifft mich

trotzdem. Und ich geh weiter

bis ich vor einer kahlen
Wand steh und nicht mehr weiter
weiß.

Dort holt mich später dann
sicher jemand

ab.

(Rolf Dieter Brinkmann, 1968)


Christiane Eichhorn



Montag, 21. Oktober 2019
Lesung
Geschichten gegen das Novembergrau
29. November 2019, 15.00
Patientenbücherei Diakonie Kaiserswerth
Kreuzbergstraße 79, Düsseldorf-Kaiserswerth



Freitag, 31. Mai 2019
Lesungen 2019
stellt neue Texte vor.

18.September 19, 18-20.30

im Bürgerhaus Bilk
Salzmannbau Düsseldorf
Himmelgeister Str. 104 H

Eintritt frei



Mittwoch, 29. Mai 2019
Lesungen 2019
Buchmesse vom Westdeutschen Autorenverband
28.4.19, 16.00
im Salzmannbau, Himmelgeister Str. 107, Düsseldorf


Erzählcafe´ im Kultur- und Stadthistorischem Museum
19.5.19, 15.00
Johannes-Corputius-Platz 1, Duisburg



Donnerstag, 29. März 2018
Lesung
Die Gruppe Schreibzeiten liest aus ihrem neuen Buch "Spielen - Was sonst?"

Wann: 13. April 2018
14.00 Uhr
Wo: Zentrum Plus Unterrath
Eckener Straße 1
Düsseldorf

Eintritt ist frei.

Besucherinnen und Besucher sind herzlich willkommen.



Samstag, 3. Juni 2017
Düsseldorfer Lesefest 2017
Im Rahmen des bekannten Düsseldorfer Lesefests findet wieder eine Lesung unserer Autorengruppe "Schreibzeiten" statt.

Thema: Herzenstexte
Termin: Donnerstag, den 16.11.17, 18.30 -20.30
Ort: Cafe´Decker, Geibelstr. 76, Ecke Grafenberger Allee,
Grafenberg



Dienstag, 17. Januar 2017
Neuerscheinung: Spielen - Was sonst?
Düsseldorf, 17.01.2017 - Das Thema Spielen gewinnt in unserer leistungsorientierten Zeit wieder zunehmend an Beachtung. Die Düsseldorfer Autorinnengruppe „Schreibzeiten“ widmet sich dem Thema in ihrer eben im Engelsdorfer Verlag erschienenen Anthologie „Spielen – Was sonst!“.

32 Autorinnen haben „das Spielen“ von unterschiedlichsten Perspektiven aus beleuchtet. Neben biografischen Texten aus Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter sind daraus Kurzgeschichten, Gedichte und Fachbeiträge erwachsen.

Friedrich Schiller betonte seinerzeit: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“. Aber gerade das zweckfreie Spielen verlangt in unserer Gesellschaft nach einer Renaissance. Der Neurobiologe Gerald Hüther, der im September 2016 sein Buch „Rettet das Spiel“ veröffentlichte, verweist auf die Notwendigkeit des Spiels für die menschliche Entwicklung.

Dabei haben die Autorinnen den Begriff „Spiel“ hier im weitesten Sinne gesehen. Sie haben das Thema gepackt, geknetet und hin und her gewälzt. Sie haben sich an manches erinnert, anderes erdacht, einiges verworfen und vieles bestaunt. Schließlich spannen die Texte der Anthologie einen weiten Bogen von Erinnerungen an Kinderspiele, über Rollen, die ein Leben beinhaltet bis hin zum Theaterspiel, dem Wettkampf und der Spielsucht. Ein Kapitel mit Schreibspielen, für die man nichts weiter als Papier, Stifte und gesellige Mitspielerinnen und Mitspieler braucht, sowie viele Fotos komplettieren das breite Spektrum dieser Anthologie.

Beiträge wie „Des Teufels Gebetbuch“, „Das Glück im Karton“, „Ich wär dann mal der Majoratsherr“ oder „Mascha spielt keine Rolle mehr“ erwecken Neugier, sich dem Thema „Spielen“ zuzuwenden. Natürlich fehlt bei einem Buch über das Spielen auch der Humor nicht. Texte wie „Rache ist süß“ oder „Hackbrett fürs Rheinland“ zaubern dem Leser ein Lächeln ins Gesicht.


Spielen – Was sonst!
Lebenserfahrungen von Null bis Ultimo
Anthologie der Gruppe „Schreibzeiten“
Herausgeberin:Erny Hildebrand
Engelsdorfer Verlag
12,90
ISBN: 978-3-96008-694-9



Lesung in der Destille
Die Gruppe "Schreibzeiten" liest zum Thema "Gedankenspiele".

04. Februar 2017
17.00 bis 18.30
Blaue Stunde
in der Destille
Bilker Straße 46
40213 Düsseldorf

Eintritt frei