Völkerwanderung
Von Lore Heller

Zaun, Stacheldraht, Mauer sollen jene abhalten, die aus ihren Häusern und Hütten fliehen, bevor sie zerbombt, zerstört werden.
Diejenigen, die nichts mehr zu essen, auch nicht mehr genug zum Trinken haben, sollen nicht dorthin ziehen dürfen, wo es Nahrung und Wasser im Überfluss gibt.
Dieses Gelände gehört Deutschland, jenes Frankreich und so fort, da dürfen zunächst mal nur Deutsche, Franzosen und andere mit Pässen und Erlaubnis leben.
Dass dies so geregelt ist, gehört zum Grundwesen eines Staates.
Der andere Staat, aus dem die Flüchtlinge kommen, hatte auch Ausweise und alles, was dazu gehört, aber keine Voraussetzungen zum Leben in ihm, kein Dach mehr über dem Kopf, keine Ernte, kein Essen, kein Trinkwasser.

Die Welt, die sich abschottet, hofft wohl, von der Lebensbedrohung der anderen nicht betroffen zu sein.
Insgeheim, zuweilen bereits offen, geht jedoch Angst um, einfach überrollt zu werden von der Menge der Geflohenen, denen ja nichts anderes übrig bleibt als wegzugehen mit dem archaisch anmutenden Bündel, Sack oder Korb unter dem Arm, auf dem Kopf oder über dem Rücken.

Die Tore geschlossen zu halten, die Mauern zu bewachen, wird irgendwann zu dem Abbild der verschlossenen Burg führen, letztendlich einer belagerten Festung, vor der sich andrängende Massen von hungernden, frierenden und auf der Stelle tretenden Menschen sammeln und immer noch mehr werden.

Irgendwann kann es zu einer Belagerung werden, die letztlich im Sturm der Verzweiflung gegen die Burg anrennt;
wenn nicht weise Frauen und Männer rechtzeitig beraten, was zu tun sei, um die Menschen in der Burg mit ihren vollen Töpfen mit den Menschen von draußen vor den leeren Tellern in Kontakt zu bringen und mit jenen mit dem Teilen von allem zu beginnen.

Da reicht es nicht, Ghettos zu bilden, vielmehr müssen Siedlungen, Dörfer und Stadtteile errichtet werden; alles Halbherzige muss hinter sich gelassen werden, und die Gemeinschaft wird es schaffen.

Wer ist da, der es den Menschen erzählt und sagt und sie mitnimmt in eine Epoche der Veränderung?




christa anderski am 19.Feb 16  |  Permalink
mir geradewegs aus der Seele gesprochen!!